Open Educational Ressources – Chancen für einen besseren Unterricht?

Tafelbilder waren für mich die „Unterrichtsmedien“ meiner Schulzeit. In nahezu jedem Fach und jeder besuchten Schulform – sogar bis in die Studienzeit – begleiteten und begleiten sie mich bei der Informationsaufnahme von Lerninhalten. Als heutige Berufspädagogikstudentin weiß ich, dass ein Unterrichtsmedium aufgrund seiner Vermittlungsfunktion ein wichtiger Baustein eines erfolgreichen Lehr-Lernprozesses ist und stets eine optimale Präsentation der Unterrichtsinhalte ermöglichen sollte. Diesen Anspruch erfüllen auch Tafelbilder, die meines Erachtens noch weitere wichtige Vorteile bieten: Sie binden die Schüler aktiv in den Unterricht ein, visualisieren Zusammenhänge, halten die wesentlichen Inhalte der Unterrichtsstunde fest und sprechen nicht nur den visuellen und auditiven, sondern durch das Abschreiben auch den haptischen Lerntyp an. Außerdem werden zur Erstellung von Tafeleinträgen keine weiteren technischen Hilfsmittel außer eine Tafel benötigt.

Übersichtlich, aber zeitaufwendig - Vor- und Nachteile des Tafelbilds

Altbewährt, übersichtlich, jedoch zeitaufwendig – Vor- und Nachteile des Tafelbilds – Bildquelle: Eigene Anfertigung

Viel analog, wenig digital – Unterrichtsmedien meiner Schulzeit

Obwohl meine im Jahr 1996 beginnende Schulzeit in die Verbreitungsphase des World Wide Webs fällt, waren Besuche des schulischen Computerraums sehr selten. Rund 20 PCs sollten die Medienkompetenzen von über 750 Schülern in meinem Gymnasium verbessern. Ein ambitioniertes Ziel, dessen Umsetzung nicht nur am Missverhältnis der technischen Ausstattung zur Schülerzahl fraglich erschien. Auch nur wenige Lehrkräfte trauten sich, den klassischen Medienpool zu verlassen. So nutzen meine Lehrer neben Tafeleinträgen vor allem analoge Medien wie Lehrbücher, Overhead-Projektor-Folien und Arbeitsblätter. Während im Sprachunterricht häufiger CDs mit Verständnisübungen zum Einsatz kamen, wurden im Geografie- und Biologieunterricht je nach Themengebiet weitere Anschauungsmaterialien in Form von Karten, Modelldarstellungen oder greifbaren Gegenständen wie zum Beispiel vergrößerte Zellstrukturen eingesetzt. Kurze Filmsequenzen über biologische Zellvorgänge oder selbsterstellte Powerpointpräsentationen waren vor allem in der Oberstufe ein gelegentlicher Bestandteil des Lehr-Lernprozesses im Leistungskurs Biologie und stellten für mich persönlich die Anfänge des multimedialen Lernens dar.

Besser lernen mit Multimedia?

Im Seminar „Neue Medien in der Bildung“ habe ich im letzten Semester von der Theorie des „Multimedialen Lernens“ erfahren. Die im Kognitivismus angesiedelte Theorie geht davon aus, dass die Informationsverarbeitung in getrennten Kanälen im Gehirn stattfindet und diese nur über eine begrenzte Kapazität verfügen. Schafft es ein Lernmedium zwei Kanäle anstatt nur eines Kanals anzusprechen, können bessere Lernergebnisse erreicht werden. So fördert beispielsweise eine textuelle und bildliche Informationspräsentation den Wissenserwerb mehr als nur eine textuelle Beschreibung. Somit sind Grafiken in Verbindung mit Text besonders lernwirksam. Ähnliche lernförderliche Wirkungen zeigen audiovisuelle Medien wie Erklärvideos. Weniger sinnvoll dagegen ist die gleichzeitige Kombination von geschriebenem und gesprochenem Text. Aufgrund dieser Erkenntnisse ist es sinnvoll, vielfältige und sinnvoll kombinierbare Medien in Lehr-Lernprozessen einzusetzen, welche den Lernenden verschiedene Möglichkeiten des Wissenserwerbs geben. Auch die stetig zunehmende Digitalisierung bietet viele neue Wege zur Gestaltung von Lehr-Lernprozessen. Mithilfe von multimedialen und interaktiven Materialien erhalten die Lernenden verschiedene Wissenszugänge und können sich Lerninhalte aktiv am Computer, Handy oder Tablet aneignen.

Lizenz- und Urheberrechtsfragen im Unterricht – Sind OER die Lösung?

Da es für Lehrer jedoch fast unmöglich ist, ein umfangreiches und multimediales Lernangebot komplett selbstständig zu erstellen, sind sie auf Materialien aus Büchern, dem Internet oder aus anderen Quellen angewiesen. Doch hier beginnt für Lehrkräfte ein rechtlicher Balanceakt, da bei der Vervielfältigung, Digitalisierung oder einer Publikation Urheberrechts- und Lizenzfragen eine essentielle Rolle spielen.

Um der Frage des „Darf ich…?“ bei der Recherche und Nutzung von fremden Unterrichtsmaterialien ein Ende zu setzen, finde ich Open Educational Ressources, kurz OER, sehr interessant. Mithilfe einer offenen Lizenz stellen Urheber Bildungsmaterialien zur Verfügung, welche kostenlos nutzbar sind und gegebenenfalls von den Lizenznehmern bearbeitet werden dürfen. Auch eine Weitergabe und -entwicklung der (neu zusammengestellten) Materialien ist möglich. Von großer Bedeutung sind bei OER die jeweiligen Lizenzen, welche den Nutzer darüber informieren, ob die Inhalte ohne oder mit Einschränkungen belegt sind.

Mithilfe von OER könnten Lehrkräfte einerseits unbedenklich offenes Bildungsmaterial nutzen und zugleich ihren Schülern ein hochwertiges und multimediales Lernen ermöglichen – sofern natürlich geeignete Lernmaterialien zur Verfügung stehen. Auch die Weiterentwicklung von OER durch die Lernenden kann eine spannende und kreative Aufgabe sein, die zudem ein effektives Lernumfeld schafft. Obwohl OER in jüngerer Zeit zunehmend durch EU-Initiativen, Konferenzen und parlamentarischen Anhörungen mehr Beachtung geschenkt wird, führen freie Bildungsmaterialien in Deutschland immer noch ein Schattendasein. Eine Liste mit teilweise deutschsprachigen OER-Angeboten fasst die Bundeszentrale für politische Bildung in einer kommentierten Linkliste zusammen.

Das erste Schulbuch mit freiem Content

Trotz der noch kleinen OER-Bewegung haben Hans Hellfried Wedenig und Heiko Przyhodnik im Sommer 2013 das erste offene deutschsprachige Lehrbuch herausgegeben, welches für das Fach Biologie 7/8 an Berliner Gymnasien als Webpage, PDF und iBook frei zur Verfügung steht. Es kann ohne jegliche Einschränkungen genutzt werden und wurde bereits nach Angaben der Initiatoren über 20.000 Mal heruntergeladen. Bei der Betrachtung des offenen Schulbuchs sind keine „bahnbrechenden“ Veränderungen ersichtlich. Es ähnelt in weiten Teilen stark dem Aufbau klassischer Schulbücher mit hohen Textanteilen, Grafiken sowie einem Lexikon. Als zusätzliche Funktionen erscheinen gelegentlich Links zu externen Internetseiten, die auf Erklärvideos, Animationen oder interaktive Aufgaben wie das Tierzellen-Quiz verweisen. Bei einem interaktiven Angebot des Lehrbuchs werden aber auch wieder die Grenzen der OER sichtbar. Auf der im Biologiebuch verwiesenen Lernplattform „Freies Lernen interaktiv“ ist lediglich ein Lernangebot zum Thema Zellen verfügbar (Stand: 05/2015). Dies zeigt, dass bezüglich der OER ein Ausbaubedarf in Deutschland besteht.

Musikdatenbanken und politische Modelle – Meine ersten Erfahrungen mit OER

Erste Berührungspunkte mit OER hatte ich im weiteren Sinne bei der Musiksuche zur Vertonung von filmischen Studienarbeiten während meines Bachelorstudiums. Auf der Musikplattform „ccmixter“ stehen eine große Auswahl von Musikstücken zur Verfügung, die unter Verwendung einer Creative-Commons-Lizenz genutzt werden können. Häufig verwendete ich Songs der CC BY-NC 3.0 – Lizenz. Diese berechtigte mich die Musik zu verbreiten und zu bearbeiten, solange keine kommerzielle Nutzung der Datei erfolgte. Im Film musste ich im Gegenzug den Namen des Urhebers, eine Verlinkung zur jeweiligen Lizenz platzieren und angeben, ob ich Veränderungen an der Musik vorgenommen habe. Auch bei Referaten oder bei der Vorbereitung von Unterrichtsstunden habe ich bereits OER-Material eingesetzt. Sehr sinnvoll finde ich z.B. die Grafiken zur Europäischen Union auf der Webseite der Bundeszentrale für Politische Bildung, sodass ich diese bereits mehrmals verwendet habe. Diese können unter der CC BY-NC-ND 3.0 – Lizenz in jedem Format oder Medium vervielfältigt und weiterverbreitet werden. Zwar sind auch hier der Name des Urhebers sowie die Verlinkung zur jeweiligen Lizenz zu nennen, jedoch ist eine Bearbeitung der Datei untersagt.

cc by-nc-nd/3.0/de/ (Bundeszentrale für politische Bildung, www.bpb.de)

Beispielbild eines Creative-Commons-Bildes mit CC BY-NC-ND 3.0- Lizenz – Bildquelle: Bundeszentrale für politische Bildung/www.bpb.de/cc by-nc-nd/3.0/de/

Offene Bildungmaterialien  – „Gewaltiges Potenzial zur Verbesserung der Qualität und Effektivität von Bildung“

„Der wichtigste Grund für die Nutzung von OER ist, dass Bildungsmaterialien mit offenen Lizenzen über ein gewaltiges Potential zur Verbesserung der Qualität und Effektivität von Bildung verfügen“ – so schreibt es die Deutsche UNESCO- Kommission in ihrer Broschüre zu Open Educational Ressources. Hierbei sehe ich vor allem die Chance, Lernende durch offene Bildungsmaterialien besser individuell fördern zu können. Im schulischen Kontext stellen die zunehmende Heterogenität sowie jahrgangsübergreifende Klassen vor allem Lehrkräfte vor die Herausforderung, den unterschiedlichen Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten der Schüler gerecht zu werden. Analoge und multimediale Lernangebote ermöglichen Lernenden verschiedene Zugänge zu den Inhalten und schaffen es möglicherweise auch diejenigen Schüler anzusprechen, die weniger mit konventionellen Methoden lernen können. Auch die Theorie des „Multimedialen Lernens“ unterstützt die These, dass Schüler mithilfe verschiedener Medien nachhaltiger lernen – sofern die richtigen Medien miteinander kombiniert werden. Außerdem kann der Einsatz von digitalen Medien die Medienkompetenzen von Schülern stärken und Lernende aus benachteiligten Milieus gezielt fördern. Besondere Potenziale zur Förderung sehe ich beispielsweise in Schulnetzwerken oder Lernservern, in denen zielgruppenspezifische Medien oder weiterführende Verlinkungen aus dem World Wide Web von einer Lehrkraft sortiert, bereitgestellt und ggf. aufbereitet werden. Somit können beispielsweise Schüler mit geringen Deutschkenntnissen oder aus bildungsfernen Familien Unterrichtsinhalte zuhause selbstständig bearbeiten, vertiefen und wiederholen.

Mithilfe von OER ist es für Lehrkräfte wesentlich einfacher, individualisierte Lernangebote zu erstellen und verschiedene Lernmaterialien wie Lehrbücher, Videos oder Multimediawendungen miteinander zu verknüpfen. Natürlich sind Pädagogen durch ihre eigene Schulzeit stark geprägt, jedoch finde ich es sehr wichtig, mit der Zeit zu gehen und aktuelle Entwicklungen in den Unterricht mit einzubeziehen. So bin auch ich bei der Gestaltung von Lehr-Lernprozessen den mir sehr gut vertrauten Tafeleinträgen auf keinen Fall abgeneigt, dennoch möchte ich die Monotonie der Lernmedien – die ich häufig in meiner eigenen Schulzeit erfahren haben – nicht gleichermaßen fortführen. Durch ein umfangreiches und abwechslungsreiches Lernangebot aus analogen und digitalen Medien hoffe ich die Lernenden optimal fördern zu können.

Literatur

Deutsche UNESCO-Kommission e.V.: WAS SIND OPEN EDUCATIONAL RESOURCES? UND ANDERE HÄUFIG GESTELLTE FRAGEN ZU OER; Bonn 2013; Link: http://www.unesco.de/fileadmin/medien/Dokumente/Bildung/Was_sind_OER__cc.pdf; Zugriff am 08.05.2015.

Justus-Liebig-Universität Gießen: Vor- und Nachteile des Tafelbildes; Link: https://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb04/institute/geschichte/didaktik/dokumente/Mat_Medien/geschichtsdidaktische-pruefungsthemen/tafel-und-tafelbilder-im-geschichtsunterricht/vor-und-nachteile-des-tafelbildes; Zugriff am 08.05.2015.

Müller, Jaana: Bildung für alle, Material von allen; 5.9.2014; Link: http://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/oer-material-fuer-alle/191051/einfuehrung; Zugriff am 08.05.2015.

open-educational-resources.de – Transferstelle für OER: OER in Politik, Wissenschaft und Praxis – Fachtagung in Frankfurt; Link: http://open-educational-resources.de/2015/02/26/fachtagung-oer-in-politik-wissenschaft-und-praxis/; Zugriff am 08.05.2015.

Pfeffer-Hoffmann, Christian: Digitales Lernen-Wie E-Learning die Bildung verändert; Link: http://fsf.de/data/hefte/ausgabe/39/pfeffer_hoffmann028_tvd39.pdf; Zugriff am 08.05.2015.

Przyhodnik, Heiko; Wedenig, Hans Hellfried: Biologie 1 – Klassen 7/8; OER Schulbuch; Version 1.3 vom 25.11.2014; Berlin; Schulbuch-O-Mat.

Schön, Sandra: Das erste offene deutschsprachige Schulbuch ist online – und jetzt?; 18.03.2014; https://www.medienpaedagogik-praxis.de/2014/03/18/das-erste-offene-deutschsprachige-schulbuch-ist-online-und-jetzt/; Zugriff am 08.05.2015.

Tulodziecki, Gerhard; Herzig, Bardo; Grafe, Silke, 2010: Medienbildung in Schule und Unterricht – Grundlagen und Beispiele, Bad Heilbrunn, Klinkhardt.

 

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